Goethe-Gymnasium Freiburg

Mitten in der Stadt, nahe am Menschen

K800 P1130727Zwi Nigal - Zeitzeugen-Gespräch mit einem Holocaust-Überlebenden
 Am Montag, 29.1.2018 war Zwi Nigal, ein Holocaust-Überlebender, während seines Aufenthaltes in Deutschland zu Gast am Goethe-Gymnasium in Freiburg. Der 94-Jährige besuchte in der Vergangenheit bereits mehrere Schulen und erzählte eindrucksvoll im Rahmen einer von Frau Dr. Laila Scharfenberg organisierten Reise nach Freiburg den Oberstufenschülern aus seinem Leben.

 Zwi Nigal berichtete von seiner Jugend, seiner Flucht vor dem Holocaust und der anschließenden Zeit in Israel. Er wurde 1923 in Wien geboren. Bei seiner Geburt trug er jedoch den Namen Hermann Heinz Engel. Den Namen Zwi bekam er nach seiner Beschneidung. Für Juden ist es typisch, dass die Jungen nach ihrer Beschneidung einen israelischen Namen bekommen. Nigal nannte er sich, nachdem in Israel eingeführt wurde, dass man, um einen Armee-Dienstausweis zu bekommen, einen israelischen Namen tragen muss. Nigal kommt aus dem Hebräischen und bedeutet „befreit“.

Zwi Nigal wuchs als Einzelkind in einer mittelständischen Familie auf, welche in einem jüdisch geprägten Wohnbezirk lebte. Sein Vater war Beamter bei der Bahn in Wien, seine Mutter war Krankenschwester und diente während des Ersten Weltkriegs als Sanitäterin.
Während seiner Kindheit war in Wien jeder zehnte Bürger Jude und „Österreich leckte an den Wunden des Ersten Weltkriegs“, so Nigal. Laut Gesetz sollten alle Religionen anerkannt werden, doch die Realität sah anders aus. Nigal erzählte von einem persönlichen Erlebnis, welches dies verdeutlicht: Sein Vater wurde Vorsitzender des Elternbeirats in Nigals Schule. Zeitungen reagierten mit Ausdrücken wie zum Beispiel: „Wie kann es sein, dass ein Jude Vorsitzender wird?“ Nachdem sein Vater aufgrund seiner Religion seine Stelle als Beamter am Wiener Nordbahnhof verloren hatte, arbeitete er im Palästinaamt und war somit zuständig für die Ein- und Auswanderung von Juden von und nach Palästina.
Seine Mitschüler beschrieb Zwi Nigal als „korrekt“, denn in der Schule akzeptierte man sich gegenseitig, doch trotzdem hatte er nie einen nichtjüdischen Freund.
Mit der Besetzung und dem „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich am 12.03.1938 änderte sich die Situation für die Juden Österreichs binnen kürzester Zeit jedoch radikal. Als Nigal am Abend vom Gottesdient nach Hause kam und das Radio anschaltete, hörte er nur noch die letzten Worte des österreichischen Bundeskanzler Kurt Schuschnigg: „…ich weiche nur der Gewalt; Gott schütze Österreich!“, anschließend wurde die Melodie der Nationalhymne gespielt.  Diese Eindrücke sind bis heute fest in Nigals Kopf verankert.
Am nächsten Tag flog schon die deutsche Luftwaffe über Wien und die Straßen waren voller Hakenkreuzsymbole. Die Gestapo begann noch an diesem Tag mit den ersten Verhaftungen und somit war die Gleichberechtigung der Religionen zu Ende. Juden wurden schikaniert, verprügelt und mussten zum Beispiel den Gehweg mit Zahnbürsten schrubben.
Auch der Schultag änderte sich drastisch, so erzählt Nigal von einer ihn prägenden Szene: „Wir hatten einen hervorragenden Professor für Deutsch […], er war immer korrekt und las immer wieder die beste Schularbeit vor. Ich hatte einen guten Schreibstil oder einfach nur Glück […] und so nahm er meine und las sie vor. Dann klappte er das Heft zusammen und sagte, „Und das Traurige an der Sache ist, dass wieder ein deutschfremdes Element die beste Schularbeit geschrieben hat“.
Sein Vater brachte Zwi Nigal im Dezember 1938 in einem Transport von Jugendlichen zwischen 15 und 17 Jahren nach Palästina unter, so floh Nigal Anfang 1939 ohne seine Eltern. Er dachte, dass seine Eltern nach ein paar Wochen nachkämen, doch in Wirklichkeit sah er seinen Vater nie wieder.
Sein Vater wurde 1942 nach Theresienstadt „ausgesiedelt“ und 1944 mit dem wahrscheinlich vorletzten Transport nach Auschwitz gebracht. „Und da er über 60 Jahre alt war, denke ich, dass er noch am ersten Tag in die Gaskammer geführt wurde“, so Nigal.
Seine Mutter versuchte mit einem Schiff illegal nach Palästina zu gelangen. Besatzung und Passagiere wurden jedoch von den Briten in ein Internierungslager auf Mauritius gebracht, wo sie bis Kriegsende gefangen war. Sie und Zwi Nigal sahen sich erst nach etwa neun Jahren wieder. Seine Mutter wurde 102 Jahre alt.
Zwi Nigal machte Karriere in der israelischen Armee, wo er auch seine zukünftige Ehefrau, mit der er später zwei Söhne hatte, kennenlernte. Das Militär finanzierte ihm ein Studium an der Technischen Universität in Haifa. „Ich konnte den Abschluss nur dank meiner gründlichen Bildung am Gymnasium in Wien absolvieren.“
Später arbeitete Zwi Nigal als Ingenieur in einer israelischen Firma, bis er mit 65 Jahren in den Ruhestand ging. Da er sich schon immer für Geschichte interessierte, wollte er sein Hobby zum Beruf machen und entschloss sich für eine Ausbildung zum Fremdenführer. Bis zu seinem 80. Lebensjahr führte er deutschsprachige Gruppen durch Israel.
Am Ende zeigte Zwi Nigal den Schülern Fotos aus seinem bewegten Leben. Zu dem letzten Foto, auf dem seine große Familie samt Urenkeln zu sehen war, sagte er: „Meine Familie ist mein persönlicher Sieg über Hitler, der die Juden ausrotten wollte.“


(Sebastian Fohrer, Antwan Souss, Ozeina Kansoh; K1)

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Einige Schülerkommentare
„Der Vortrag war sehr bereichernd, da ich noch nie Geschichte aus der Perspektive eines Einzelnen erlebt habe. Man konnte auch etwas über die Gedanken und Ängste der Bürger lernen und über die einzigartige Reise des Zwi Nigal, die bis heute andauert.“
„Vor allem beeindruckt hat mich seine lockere und offene Haltung, welche er, trotz seiner Erlebnisse im letzten Jahrhundert, aufrechterhalten konnte.“
„Ich fand es sehr interessant, weil ich noch nie so eine Geschichte über diese Zeit gehört habe. Es ist zwar bekannt, was damals passiert ist, aber eine so persönliche Erzählung von Flucht und Aufbau eines neuen Lebens erfahre ich zum ersten Mal.“
„Mich hat das Gespräch mit Zwi Nigal sehr beeindruckt und es war sehr interessant, Geschichte von jemandem zu hören, der das alles wirklich erlebt hat. Man bekam eine völlig andere Perspektive auf die Dinge, da es auch um Einzelheiten ging und nicht, wie in Geschichtsbüchern, verallgemeinert wurde. Ich finde es auch sehr mutig von Zwi Nigal, über diese schwierige Zeit zu erzählen und auch Fragen zu beantworten. Mir hat Zwi Nigal ein bisschen gezeigt, was wirklich bedeutsam im Leben ist und dass Situationen, die uns als Problem erscheinen, eigentlich nicht so schlimm sein können wie vieles, was damals passiert ist.“

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